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Hass ist so 2015

Liebe Wutbürger und Gutmenschen,

wir haben uns heute hier versammelt, um über das Thema Hass zu sprechen.
Wir leben gerade in einem aufgewühlten Europa, das von Hilfesuchenden Menschen heim-gesucht wird.
Wieso “Heim-gesucht”? Weil diese Menschen ein Heim suchen; ein sicheres zu Hause, da es in ihrem eigenen Land Kriege und Gegenkriege gibt und ganze Familien ausgelöscht werden, wenn sie zB nicht der “richtigen” Religion angehören. Was für uns nichtige Argumente sind, um einen Menschen zu jagen, gilt in deren Heimatländern momentan zum Alltag. Was ich hier fast schon euphemistisch als “momentan” bezeichne, ist faktisch betrachtet falsch, da es diese Auseinandersetzungen nunmehr seit Monaten und Jahren gibt. Continue reading Hass ist so 2015

Bloß eine weitere Meinung zu #Hebdo

Seit gestern überschlagen sich die Meinungen zu Charlie Hebdo und diesem unmenschlichen Irrsinn – zurecht. Das hier soll nicht eine weitere Auseinandersetzung mit dem Geschehen an sich sein, sondern eine Meinung zu den Stimmen, die im Internet und den klassischen Medien kursieren. In erster Linie handelt es sich natürlich um eine subjektive Meinung, nämlich um meine.

Ich bin Jazz, Ende 20 und Christin. Et je ne suis pas Charlie Hebdo.
Nicht, weil es mich kalt lässt, wenn Menschen umgebracht werden, sondern weil ich nie viel von dieser Art der Karikatur hielt. Vielleicht, weil ich selbst an Gott glaube, vielleicht, weil ich darin auch immer die Intention sah die Auflage zu steigern, indem man besonders respektlos alles durch den Kakao zieht, was den Mainstream zum klatschen bringt.

Würde ich deswegen Amok laufen? Nein. Werde ich deswegen auf den Mainstram-Zug aufspringen und jedem den Tod wünschen, der nicht meiner Meinung ist? Nein. Auch das ist Meinungsfreiheit; etwas nicht zu tolerieren, was gerade groß propagiert wird.

Ich bin nicht Charlie Hebdo. Ich bin aber auch keine Terroristin. Ich habe eine differenzierte Meinung zu den Geschehnissen und störe mich schrecklich an dem, was jetzt daraus gemacht wird. »Die Hebdo Redakteure starben, um zu..« – das bezweifele ich. Ich bezweifele, dass nur einer von ihnen sein Leben opfern wollte, um auf irgendeinen Missstand aufmerksam zu machen. Ich für meinen Teil, und so ehrlich wollen wir doch sein, wäre nicht bereit mein Leben für irgendetwas zu lassen. Egoistisch? Vielleicht. Ehrlich? Durchaus.

@rock_galore schrieb gestern einen treffenden Tweet zur Instrumentalisierung:
“Da sterben 12 Leute und es dauert keine 5 Stunden und AfD und Pegida gehen mit Toten auf Stimmenfang. Was für widerliche Menschen.“ – ja, das ist widerlich.

Nicht weniger widerlich ist es, wenn nun wieder der Zeigefinger auf alle Religionen gerichtet wird. Religion propagiert, wenn sie schon was propagiert, Nächstenliebe und andere Werte, die unser Leben auf Erden absichern sollen. »Du sollst nicht töten«, so nämlich. Und Gläubige, egal welcher Religion, vertreten den Grundsatz: »Gott gibt das Leben und Gott nimmt es«, denn nach unseren Grundsätzen liegt es an ihm allein in das Leben einzugreifen, weswegen ich grundsätzlich die Augen rolle, wenn Politiker unter der Flagge des Christentums Werbung für die Todesstrafe machen. Dass das nicht Hand in Hand geht, weiß der treue Christ / Jude / Moslem / Hindu.

Meinungsfreiheit – Gott sei Dank! Das gilt für uns alle, auch für mich.

Nicht alles, was abgedruckt wird, entspricht der Wahrheit. Eine Karikatur will Aufmerksamkeit und polarisieren, indem sie genau das darstellt, was sich niemand trauen würde in Worte zu packen. Gerne erinnere ich mich an das Titanic-Titelblatt zurück, als Bushido Vater wurde. Auch ich gehörte zu jenen, die lachten und auch ein bisschen Fremdscham ob der Wortwahl empfanden. Aber damit hatte jemand das auf Papier gebracht, was sich sonst niemand laut auszusprechen wagte. Ein großer Fan bin ich dennoch nicht, denn natürlich sollte mit dem Titelblatt auch ordentlich Geld gemacht werden. Denn umso mehr sowas polarisiert, desto eher wird das Blättchen verkauft. Also bitte ich an dieser Stelle um einen kleinen Perspektivenwechsel: Satire hat nicht die Aufklärung der Gesellschaft im Sinn. Nicht, wenn mit dieser Aufklärung Geld verdient werden will. Was ich hier ZB schreibe, kann nicht zu Geld gemacht werden; allein, weil in der jetzigen Zeit niemand bereit wäre Geld für etwas auszugeben, was nicht die breite Meinung wiedergibt. Zeitungen hatten nie den Anspruch nur zu informieren; Zeitungen informieren, um Geld zu machen. Oder wie käme die BILD sonst regelmäßig zu den dümmsten Schlagzeilen der Nation? Fakt ist: die breite Masse liebt diese Schlagzeilen und ist bereit, dafür ihr Geld auszugeben. Fühlen sich die Anderen durch die BILD aber wirklich informiert, geschweige den aufgeklärt? Kchkch.
ET GEHT UMS JELD!

Die Schlagzeilen – machen die Zeitungen die Schlagzeilen oder die Schlagzeilen die Zeitung? Ich persönlich beobachte im Moment ehrlich gesagt Letzteres.
Wer in den letzten Wochen das Thema Pegida verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass die meisten Tageszeitungen die Schlagzeilen so polarisierend wie nur möglich wählten. Einige mögen gedacht haben: “Hach! Das spricht mir so aus der Seele! Toll, wie Zeitung XY sich solidarisch zeigt und hach!“ – ich kann unmöglich die Einzige sein, die dachte: “Bah! Jetzt schüren diese Deppen mit einer fetten Überschrift weiter die Ängste der Bevölkerung und schubsen sie in die Arme von rassistischen Volldeppen!“

Jetzt wird eben #Hebdo dafür instrumentalisiert, um weiter auf den weltfeindlichen Islam aufmerksam zu machen. Uuuuuh, böser Islam, pfui!
Ihr spinnt doch. Verzeihung für diese direkten Worte, aber das wurde vor einigen Jahrzehnten erst mit den Juden abgezogen. Und könnte man nicht gegen eine Religion angehen, so würde man gegen eine Nationalität angehen. Frage: wieso können wir rassistische Kackscheiße sofort erkennen, wenn es zB um »die Deutschen« geht, aber religiöse Kackscheiße nicht auch als Rassismus abtun? Wieso schreit der Einzelne immer »Ich bin mehr als eine Schublade!« und schubst Andere dann in eine solche? Was stimmt denn nicht mit uns?

Appell: haltet die Augen offen; kritisches Denken ist gerade so sehr gefordert, wie schon lange nicht mehr. Europa befindet sich in einer Zeit, die die Weichen für die Zukunft legt. Wir, jeder Einzelne von uns, sind dafür verantwortlich, zu welchem Ziel diese Weichen führen werden.

Ich wünsche mir ein Europa, das wieder an seine Werte glaubt und Religion gehört nunmal zu unserer Kultur. Vor wenigen Wochen feierten wir erst Weihnachten – selbst derjenige, der nicht an Gott glaubt, wird die Tradition gefeiert haben. Religion ist nicht böse, sowie eine Nationalität nicht böse ist. Der Einzelne ist es, der Mensch an sich. Und dieser Mensch wird immer eine Flagge finden, mit der er in den Krieg ziehen kann, um mit diesem Symbolismus weitere Einzelne auf seine Seite zu ziehen. Wenn wir uns davon einnehmen lassen, so sind wir nicht bereit selbstständig nachzudenken. Und das im Jahre 2015. Seufz.

Durch Pegida kennen wir doch die Zahlen, die Fakten: im Schnitt müsste jeder von uns mindestens einen Moslem kennen. Hat dieser Mensch dir jemals etwas getan? Hat dieser Mensch es verdient, für Dinge verantwortlich gemacht zu werden, die jemand fälschlicherweise in seinem Namen verbrochen hat? Der Deutsche will doch auch nicht als Nazi beschimpft werden, weil ein Mensch mal den zweiten Weltkrieg unter der deutschen Flagge angezettelt hat. Der Italiener will auch nicht als Mafioso beschimpft werden, weil dieser Missstand in seinem Land herrscht. Denn wir sind mehr als eine Schublade!
Ich wünsche mir Differenzierung, Klarsicht, Zusammenhalt. Aber nicht blind; nicht, weil man in diese Richtung geschubst wird, weil alle in diese Richtung laufen.

Denkt nach: seid ihr Charlie Hebdo?
Beantwortet diese Frage für euch selbst. Nicht, weil es gerade angesagt ist dazu zu gehören, sondern weil ihr daran glaubt. Denn man kann an so vieles glauben, wenn man dahinter steht, nicht nur an Gott.