MeinungsfrHAHAHAeiheit!

Nach »Je suis Charlie« fordert jeder, unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit, alles sagen und tun zu dürfen, was ihm beliebt. Denn wir leben in einer Demokratie, in einem freien Land! Das klingt erstmal freiheitsliebend, weltoffen und modern.

Nun komme ich aber nicht drumrum mich in dem Zusammenhang zu fragen, was Meinungsfreiheit überhaupt bedeutet. Doch bevor ich eine Antwort darauf finden kann, publiziert das mittlerweile weltbekannte Satiremagazin Charlie Hebdo die neuste Ausgabe mit einer *surprise* Mohammed-Karikatur auf dem Titelblatt. Ist das schon Meinungsfreiheit?

Die Mohammed-Karikatur – wofür?
»Man wird doch wohl noch zeichnen dürfen..«, werden jetzt einige äußern. Und grundsätzlich denke ich dazu: »ja, das darf man. Man darf sogar richtig provokant zeichnen, bis der Stift glüht, wenn sich dahinter eine Botschaft verbirgt.«
Aber seien wir mal ehrlich: diese Karikatur ist pure Provokation, dahinter versteckt sich keine aufklärerische Botschaft, nein, auch keine, die auf Missstände oder ähnliches aufmerksam macht. Es tritt bloß eine gesamte Religions- und Kulturgemeinschaft in den Allerwertesten. Aus Spaß. Weil sie es kann. Mehrwert? Null.

Respekt – geht um Respekt?
Grundsätzlich, und das ist die herrschende Meinung, stört man sich daran, wenn Begriffe wie »Spasti« oder »Neger« als Schimpfwort verwendet werden, selbst als Witz. Nicht lustig. Aber wieso? »Man wird doch wohl noch sagen dürfen..«, oder nicht? Es zieht Minderheiten durch den Kakao, es ist rassistisch! Natürlich darf man das nicht sagen. Oder eben doch, aber dann ist man eben ein Vollarsch. Und naja, da sehe ich keinen Unterschied zu den Anängern der Meinungsfreiheit 2.0, die eben alles sagen wollen dürfen. Und wenn es verletzt? Dann, weil sie es können. Das scheint genug Grund zu sein, um alles zu legitimieren.

Meinungsfreiheit ist ebendieses Recht alles sagen zu dürfen ohne alles zu sagen; weil man Andere respektiert. Wenn aber wirklich alles so selbstverständlich wäre, bräuchte unsere Gesellschaft gar keine Gesetze, da klar sein sollte, dass man niemanden umbringen sollte, geschweige denn darf. Aber so einfach ist der Mensch nicht. Wir brauchen Gesetze und noch dringender brauchen wir Rechte: das Recht auf Meinungsfreiheit. Das Recht auf Respekt. Wir brauchen beides.

Rechte und Gesetzte – der Blasphemieparagraph
Wir haben bereits festgestellt, dass der Mensch Gesetze braucht. Ansonsten kämen einige bestimmt auf die Idee einen Mord zu begehen und anschließend zu sagen: »Aber Herr Richter! Ich wusste nicht, dass man das nicht darf.« Wenn ich mir nun sicher wäre, dass alle Menschen den nötigen Respekt hätten, um zu wissen, dass man nicht gegen ein Jesuskreuz pinkelt, würde ich diesen Blasphemie-§ wahrscheinlich auch für überholt halten. Aber ich wiederhole: »Herr Richter! Wo steht geschrieben, dass man das nicht darf?« Wenn ein Mensch mit Vorsatz einem anderen (körperlich oder seelisch) Leid zufügt, gehört das bestraft. Ansonsten sollten wir gleich das Gespräch eröffnen, ob Mobbing tatsächlich schlimm ist oder ob man das auch mit einem Augenzwinkern abtun sollte. Doch selbst, wenn man das Leid nicht sieht, so ist es doch da.

Ansonsten wäre totale Meinungsfreiheit auch in der Schülerzeitung eine Karikatur von deiner Mutter abzubilden, über die die ganze Schule lacht. Satire darf schließlich alles.

Wenn Satire ALLES darf – wieso gibt es dann keine unnötige Karikatur über die Anschläge auf Charlie Hebdo? Eine mögliche Antwort: weil es viele Menschen verletzen und beleidigen würde. Weil es schlicht unnötig, sinnfrei wäre. Weil es nicht witzig ist. Davon ausgehend ziehe ich das Fazit, dass Satire eben nicht alles darf.

Vielleicht, und das wäre noch das traurigste Fazit, darf Satire ja doch alles. Solange sie mich nicht trifft.. Ist es das?

»Wie kannst du dich nur gegen “Je suis Charlie” stellen, dich dagegen äußern?« – weil es mir nicht gefällt, welche Wege diese Anschläge in Paris gerade einschlagen. Die Anschläge waren furchtbar, der Terror ist grausam, Extremisten sind böse. Und apropos Extreme:
Pegida, AfD und NPD – sie alle nutzen diesen Terror, um Angst zu schüren. Auch sie wollen die totale Meinungsfreiheit, denn »man wird ja wohl noch sagen dürfen..« Und wenn sie mal nicht alles sagen wollen, dann heißt es eben: »Ich habe zwar nichts gegen Flüchtlinge oder Ausländer an sich, aber..«

So ganz scheint sich die Welt also nicht einig zu sein, für wen genau diese absolute Meinungsfreiheit gelten soll. Hmm, ganz schön tückisch, dieses ALLES und dieser JEDER.

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3 thoughts on “MeinungsfrHAHAHAeiheit!

  1. Liebe Jazz,
    als jemand, der sein Geld mit Satire verdient, habe ich deinen Blogpost mit einem etwas ambivalenten Gefühl gelesen. Selbstverständlich darf Satire alles, aber sie muss eben nicht und die Grenzen zieht jeder woanders. Satire zeigt mit dem Finger auf Missstände und zieht sie ins Lächerliche und es ist nur logisch, dass die Ermordung von Kollegen in den wenigsten Fällen als lustig empfunden wird. Um deine Frage zu beantworten, warum es keine Karikaturen zu den Anschlägen gibt (wobei ich da nicht mal sicher bin): Wären Terroristen ironiefähiger hätten sie natürlich die Freiheit, ebenfalls satirisch und karikaturistisch gegenzuarbeiten, aber andererseits hätten wir kein Problem mit Mohammed-Karikaturen, wenn sie das wären. Der Terrorismus hat sich für Gewalt als Ausdrucksmittel entschieden.

    Meinungsfreiheit ist aber das Recht, alles sagen zu dürfen, auch wenn es die Gefühle Anderer verletzt oder respektlos ist, denn diese Definition ist höchst subjektiv, OHNE Repressalien befürchten zu müssen und genau da liegt das Problem. Und Provokation, das darf man nicht vergessen, ist auch ein Stilmittel und wird, zumindest von guten Satirikern, nie nur als Mittel zum Zweck eingesetzt.

    Den Vergleich mit Pegida finde ich ein wenig abstrus. Es ist ein Unterschied, ob ein Satiriker das Wort „Neger“ benutzt oder ob Pegida es benutzt. Der Schlüssel zur Satire liegt im Kontext und das ist auch der Grund, warum so viele Probleme damit haben. Durch den ironischen Überbau des Satirikers darf er alles sagen, weil man es einordnen kann, aber diese Leute da in Dresden, die meinen den Schmonz halt ernst. Der Kontext macht sie zu Rassisten, nicht das Gesagte.

    Die Pegida-Leute denken ja auch im Prinzip gar nicht, dass sie ihre Meinung nicht sagen dürfen. Sie denken halt, sie dürfen sie nicht sagen, ohne gleich als Rassist abgestempelt zu werden. Die Pegida-Leute dürfen sagen, was sie denken, aber sie wollen gleichzeitig alle anderen daran hindern sich darüber eine Meinung zu bilden und so funktioniert Meinungsfreiheit eben grade nicht.

    Meinungsfreiheit gilt für jeden, sofern sie mit dem Stift oder dem Mund ausgedrückt wird und nicht mit Faust oder Waffe. Just my two cents.

    Herzlichst,
    Dein Rock Galore

    1. Lieber Rock galore,

      verständlich, dass du diesen Text mit ambivalenten Gefühlen gelesen hast, wenn er dich und deinen Beruf persönlich betrifft. Ähnlich geht es mir beim Betrachten religiöser Satire, die mich zB in meinem Glauben kränkt (allerdings nicht, solange sie zB die Kirche anprangert [Menschen] und nicht Gott [Religion]).
      Zugegeben: auch ich habe hier nicht darauf verzichtet Dinge zu überspitzen und den Sachgegenstand etwas provokanter anzugehen. Ich denke, das ist beim Zeichnen wie beim Schreiben das Recht des Einzelnen. Letztendlich setzt sich jeder für das ein, was ihm wichtig ist.

      Meinungsfreiheit, und sie gilt natürlich für jeden, liegt letztendlich auch im Auge des Betrachters. Was ich anprangere ist nicht diese Freiheit an sich, sondern das, was die Charlie Hebdo Debatte nach dem Anschlag daraus macht.
      Du sagst selbst: “Satire zeigt mit dem Finger auf Missstände und zieht sie ins Lächerliche (…)” – aber was, wenn durch eine solche Zeichnung kein Missstand aufgezeigt, sondern nur provoziert wird? Und mit “provozieren” meine ich keinesfalls, dass eine gewalttätige Reaktion nur eine Frage der Zeit ist, geschweige denn, dass man hätte damit rechnen müssen. Denn Gewalt ist nie die Lösung und überhaupt verbietet Religion Mord und Totschlag. Aber zurück zur Satire, die nichts weiter im Sinn führt, als mit einer besonders provokanten Zeichnung die Auflage zu steigern: die ist unnötig und hat nichts mit der eigentlichen Debatte um die Meinungsfreiheit zu tun, so meine Meinung.

      Natürlich wird es Unterschiede zwischen guten und schlechten Satirikern geben, so wie es immer Unterschiede gibt, da die Welt nicht bloß schwarz/weiß, sondern aus vielen Graustufen besteht (*spuckt den Glückskeks aus*).
      Aber, und das muss ich noch loswerden, finde ich den Slogan zur Meinungsfreiheit: “Hebdo Satiriker starben, um auf die Meinungsfreiheit aufmerksam zu machen!” arg falsch. Ich wollte mit diesem Blogpost mehr auf solche Instrumentalisierungen aufmerksam machen, als gegen Satiriker im Allgemeinen anzugehen. Letztendlich ist es eine Frage des persönlichen Geschmacks. Außerdem haben mir Sätze wie: “Jetzt erst recht!” nur gezeigt, dass der Hass gegen den Islam weiter geschürt wird und jetzt jedes Kind denkt, es sei legitim, gegen eine ganze Religionsgemeinschaft angehen zu dürfen, da DIE (alle, nicht nur die Attentäter) es jetzt verdient hätten. Wenn wir gerade tatsächlich einen solch respektlosen Weg einschlagen, dann sollten wir mehr Aufklärung betreiben. Und Aufklärung besteht nunmal aus unterschiedlichen Blickwinkel; mein Blickwinkel wird hier deutlich.

      Danke für deinen Kommentar! Und gerne mehr, denn Diskurse bringen stets neue Perspektiven und die brauchen wir. Alle.

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